Andacht zum 7.11.2021 für die Klostergemeinden

Klostergemeinden
Bildrechte: Gemeinde Heilsbronn

 

Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Spross hervor. Ein Trieb aus seiner Wurzel bringt neue Frucht. Auf ihm ruht der Geist des Herrn: Der schenkt ihm Weisheit und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und Ehrfurcht vor dem Herrn. Ja, er hat Freude daran, den Herrn zu fürchten. Er urteilt nicht nach dem Augenschein und entscheidet nicht nach dem Hörensagen. Er ist gerecht und sorgt dafür, dass die Schwachen zu ihrem Recht kommen. Er ist aufrichtig und trifft Entscheidungen zugunsten der Armen im Land. … Gerechtigkeit begleitet ihn wie der Gürtel um seine Hüften, Treue wie ein Band um seinen Leib. Dann ist der Wolf beim Lamm zu Gast, und der Leopard liegt neben dem Böckchen. Ein Kalb und ein junger Löwe grasen miteinander, ein kleiner Junge hütet sie. Kuh und Bär weiden zusammen, ihre Jungen liegen nebeneinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Ein Säugling spielt am Loch der Natter. Ein kleines Kind streckt seine Hand aus über der Höhle der Giftschlange. Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg (Jesaja 11,1-7)

Liebe Schwestern und Brüder,

Es ist uns verheißen, das kommende Friedensreich, das Reich Gottes. Die Spannungen könnten nicht größer sein. Die Spannung innerhalb des Bibeltextes – wilde Tiere sind friedlich. Keine Gefahr geht von ihnen aus. Und die Spannung zu unserer Wirklichkeit. Zum Unfrieden auf der Welt, zwischen uns Menschen und wilden und zahmen den Tieren. Auch zum Unfrieden unter uns.

Frieden auf der Welt: Wenn ich bei Gottesdiensten oder in der Schule Kinder gebeten habe, ihre Wünsche und Hoffnungen zu malen oder aufzuschreiben, dann stand das auf vielen Zetteln. Oder einfach nur: Frieden. Schon in jungem Alter merken sie, wie viele und brutale Kriege geführt werden. Zwischen den Kindern selbst geht es allerdings auch nicht immer gewaltfrei ab. Gerade auch bei Geschwistern. Ob es da bei den Kleinen ums Spielzeug geht, um Süßigkeiten oder bei Älteren um irgendeine Erlaubnis. Die Sehnsucht und die Spannung.

Die großartige Verheißung vom Trieb aus der Wurzel Isas steht bei Jesaja auch nach einem Bericht über die brutale Kriegszerstörung der Assyrer, die sogar als Gottes Wille beschreiben wird: „Sieh doch: Gott der Herr Zebaot, schlägt mit Gewalt die Zweige ab. … Er rodet den dichten Wald mit der Axt. Die mächtigen Bäume auf dem Libanongebirge fallen.“ Und dann: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Spross hervor. Ein Trieb aus seiner Wurzel – vom Vater des großen Königs David – bringt neue Frucht.“

Diese Verheißung gehört für uns Christen zu Advent und Weihnachten. Wir beziehen sie auf Jesus. Aus unserer Sicht ist er der Friedenskönig begonnen, in dem sich die Verheißung erfüllt. Er hat Gottes Reich gebracht und verkündigt. Es ist schon da – und steht doch noch aus. Das spüren wir leider massiv. Die wunderschöne Verheißung Jesajas steht heftig in Spannung zu dem, was wir erleben.

Die Bilder darin sind hoch aktuell. Vor allem, dass alles mit allem verbunden ist. Für uns nicht friedlich und beruhigend, sondern aufrüttelnd und brutal gefährlich: Alles ist mit allem verbunden: Wo Menschen heute Kriege führen – in Ländern Afrikas und im Jemen – oder Krieg geführt haben – in Afghanistan –, da leiden die Menschen Hunger und wissen nicht, wie sie die nächste Zeit überleben sollen. Sie frieren, und Krankheiten breiten sich aus. Alles ist mit allem verbunden: Unser CO²-Ausstoß, unser Verkehr und Konsum, unsere Energiegewinnung lässt Bäume krank werden und in Stürmen umfallen wie dürre Stecken. Unserem Wohnen und Arbeiten – der Flächenversiegelung – fällt immer mehr grünes Ackerland zum Opfer. Und täglich sterben Tierarten aus, kleine und große, zahme und wilde. Alles ist mit allem verbunden, nicht positiv und friedlich wie in Jesajas Verheißung. Sondern kriegerisch und hoch gefährlich für die Schöpfung, für uns und für kommende Generationen.

Und noch etwas hoch Aktuelles – in negativer Umkehrung unserer Verheißung: Es ist paradox – im Bibeltext der Friede unter den Tieren. „Da ist der Wolf beim Lamm zu Gast, und der Leopard liegt neben dem Böckchen. Ein Kalb und ein junger Löwe grasen miteinander, ein kleiner Junge hütet sie. … Ein Kind streckt seine Hand aus in die Höhle der Giftschlange.“ Paradox, weil die wilden Tiere ganz gegen ihre Art und Bestimmung leben. Sie sind brav und greifen nie an. So stellen wir uns das Zusammenleben der Tierarten auf der Arche Noah vor. Dieser Tierfrieden ist paradox. Die Stärke der Sehnsucht danach, die Kraft des Friedens wird so dargestellt.

Bei uns ist das Leben paradox. Die Wirklichkeit. Die Spannung zum Reich Gottes geht durch unseren Alltag hindurch. Wir wollen die Schöpfung bewahren – und fahren Auto, verbrauchen Strom aus Kohle, können fossile Verbrennung aus verschiedenen Gründen noch nicht beenden. Es ist paradox: Unser gemeinsamer Platzbedarf zum Wohnen und Arbeiten wächst und wächst, obwohl wir den Flächenverbrauch begrenzen wollen. Es ist paradox: Wir schützen die Bienen jetzt besser – und die Produktion von Nahrungsmitteln vertreibt doch weiter Tiere. Die Ausbreitung von Mikroplastik und die Überfischung bedrohen die Meere und die künftige Versorgung der Menschheit. Die Spannung zwischen dem erhofften Reich Gottes und unserem Leben ist massiv zu spüren. Sie geht durch uns selbst hindurch: durch unsere Interessen und unser Handeln, unsere Ziele und unsere Wünsche ans Leben.

Wie damit leben und nicht resignieren? Zum ersten: beten. „Dein Reich komme“ beten wir jeden Sonntag, jeden Tag. Auf Gott setzen wir unsere Hoffnung. Interessant finde ich, dass viele Tiere hier in unserem Münster dargestellt sind. Sie beziehen unsere Mitwelt ein in unseren Glauben. Manche Tiere sind sicher Symbole der Macht wie die Löwen und Adler in den fürstlichen Wappen oder an einem Grab. Für eine gute Herrschaft sollen sie stehen. Andere symbolisieren die Hoffnung wie die verschiedenen Vögel, die nahe bei Jesus oder Maria sind. „Dein Reich komme“: Wir setzen unsere Hoffnung ganz auf Gott.

Zum zweiten: Mit der Spannung leben und dabei Vertrauen und Hoffnung ganz auf Gott setzen. Denn Jesus ist gekommen, der „neue Trieb aus der Wurzel Isais“. Diese andere Wirklichkeit ist stark. Er hat das Reich Gottes anbrechen lassen. Und es ist nicht aufzuhalten. Es wächst und wirkt, und es wird am Ende stehen und bleiben.

Ein Lied von einem Kirchentag aus den 1970ern zeigt diese Kraft unserer Hoffnung. Das zweite also: Wir leben mit den Spannungen und vertrauen auf Gottes Zukunft.

Und das dritte: Wir arbeiten geduldig und zielstrebig daran, die Paradoxien in unserem Leben zu überwinden. Frieden zu stiften, wo wir es können. Gottes Schöpfung zu achten und zu bewahren. Der Rabbiner Roland Gradwohl schreibt zu Jesaja 11: „Menschliches Wollen und Tun ist wichtig, es überwindet die Hürden des Weges und führt hin zum Eingang in das Paradies. Doch die Öffnung dieses Eingangs geschieht durch Gott, der seinen Geist – den Geist der Erkenntnis, der Weisheit, des Rechts – in die Menschheit einsenkt, in einen Nachfahren Isais, in die Völkerwelt als Ganzes. … Wenn die Menschheit um den Einlass ins zweite Paradies nachsucht, nicht durch Worte, sondern durch Taten, durch die Tilgung des Kriegs …, wird sie von Gott eingelassen. Die Verheißung des Propheten vom „Tierfrieden“ behält ihre bleibende Gültigkeit.“

Ihr Ulrich Schindler

Der Spruch dieser Woche:

Christus spricht: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Matth. 5,9)