Kirchweihpredigt in Gottmannsdorf am 21.8.2016

Wir müssen unsere Vorstellung von Gott hinterfragen!

Predigt über 1. Johannes 4, 7-12

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN

Liebe Gemeinde!

Wir feiern wieder Kirchweih an einem besonderen Ort.

Einmal im Jahr ist Gottesdienst hier in Gottmannsdorf.

Bei diesem Gottesdienst am Glockenturm schwingt etwas mit, was wir nicht sehen können:

Es schwingt die Erinnerung mit, dass hier ein Gotteshaus stand. Unsichtbar fühlen wir uns umgeben von alten Kirchenmauern.

Es schwingt die Erinnerung mit, verrohte, hasserfüllte, gottlose,  Menschen 1632 im Dreißigjährigen die Krieg zerstört haben.

Es schwingt das Wissen mit, dass hier trotz der Zerstörung der Gottmannsdorfer Kirche alljährlich ein Gottesdienst zur Kirchweih gefeiert wurde.

Viele sehen heute im Geist auch Menschen vor sich, die hier den Gottesdienst mitgefeiert haben, inzwischen aber gestorben sind.

Wie gesagt, es schwingt in diesem Gottesdienst manches mit, was wir nicht sehen können, und doch prägt es diesen Gottesdienst heimlich mit.

Nun feiern wir bei jedem Gottesdienst Gott in unserer Mitte.

Doch auch Gott können wir nicht sehen. Gottesdienst feiern macht aber nur Sinn, wenn er dennoch in unserer Mitte ist. Fest steht: Keiner von uns hat Gott gesehen.

Wie können wir dann überhaupt von ihm reden?

Müssen wir nicht vielmehr an seiner Existenz zweifeln?

Und wenn wir von ihm reden, was können wir von ihm aussagen und was berechtigt uns dazu? Ich halte diese Fragen für wichtig.

Sie lassen uns bescheiden werden. Sie bewahren uns davor, zu vollmundig aufzutreten oder gar fanatisch zu werden.

Wir brauchen eine selbstkritische Sicht, sonst glauben wir eher an einen Götzen statt an den Gott der Bibel.

Wird uns nicht mancherlei falsche Dichtung von Gott unterbreitet?

Zum Beispiel wenn Gott zu einem Erziehungsgehilfen gemacht: „Sei schön brav und denk dran, der liebe Gott sieht alles!“ Gott als Manipulationsmittel.

Oder da wird mit Gott Angst gemacht. Nicht nur bei den Zeugen Jehovas. Die Kirche, nicht nur die katholische, auch die evangelische Kirche hat selbst noch nach der Reformation oft genug Angst gemacht mit Gott, der die Sünder bestraft und in die Hölle verdammt.

Psychologen weisen darauf hin, dass unsere Vorstellung von Gott nicht frei ist von Projektionen. Wenn wir Gott mit einem Vater oder einer Mutter vergleichen, dann fließen leicht unsere menschlichen Erfahrungen mit dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter ein.

Habe ich mich bei ihnen angenommen gefühlt oder musste ich mir ihre Anerkennung erst durch Leistung verdienen? Persönliche Erfahrungen werden schnell auf Gott übertragen. Wenn ich mir die Liebe der Eltern durch Bravsein oder andere Leistungen verdienen musste, dann meine ich, dass ich vor Gott auch erst einmal etwas leisten muss, damit er mich dafür lieben kann.

Standen die Eltern immer voll hinter mir oder haben sie sich in bestimmten Situationen über mich lustig gemacht, mich erniedrigt, gedemütigt? Haben sie mir ein gesundes Selbstvertrauen vermittelt oder leide ich unter einem negativen Selbstbild, das mit ihren negativen Urteilen über mich zusammenhängt? Auch diese Erfahrungen übertragen wir leicht auf unsere Vorstellung von Gott. Manche haben so ein Richter-Bild von Gott. Der eigene innere Zensor, der das eigene Verhalten beurteilt als gut oder böse, wird dann mit Gott verwechselt.

Im 1. Johannesbrief steht der schöne Satz: "Wenn uns unser Herz verdammt - Gott ist größer als unser Herz."

Kinder erleben, dass Eltern sich viele Wünsche selbst erfüllen können. So möchten sie auch einmal sein. Und dann stellen sie sich Gott als den himmlischen Wunscherfüller vor. Irgendwann merken sie, dass Gott aber nicht alle Wünsche erfüllt, die sie im Gebet an ihn richten und kehren ihm enttäuscht den Rücken.

So geschieht es, dass Menschen als Erwachsene mit den Gottesvorstellungen ihrer Kindheit nicht mehr klarkommen und mit dem Glauben brechen. Sie übersehen dabei den Zusammenhang, dass es bei der Ablehnung des Glaubens an Gott letztlich nicht um Gott selbst geht, sondern um ihre persönlichen Vorstellungen von Gott, die durch Projektionen aus der Kindheit belastet sind.

Ich lese nun den Predgittext für heute. Er zählt für mich zu den schönsten und tiefsinnigsten Texte der Bibel.

Hier wird so von Gott geredet, dass meine eigene Vorstellung von Gott radikal hinterfragt wird.

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott,
und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt,
damit wir durch ihn leben sollen.
Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen.
Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns,
und seine Liebe ist in uns vollkommen.
Liebe Gemeinde!

Ihnen ist sicher aufgefallen, dass hier zwei Worte in jedem Satz auftauchen: Gott - und: Liebe! Es gibt keinen Text, wo Gott und Liebe so eng miteinander verbunden sind: Die Liebe ist von Gott, Gott ist die Liebe. Wir sind alle Gottsuchende, unser Leben lang.

Dabei weist uns dieser Text die Richtung und das Ziel.

In der Liebe sollen wir Gott suchen und finden.

Das ist kein Hirngespinst. Das ist keine fiktive Vorstellung von Gott, sondern eine reale, die eine positive Wirklichkeit schafft. Gott ist die Liebe. Wer sich für diese Liebe öffnet und selber zu einem Liebenden wird, der kennt Gott und ist aus ihm geboren.

Gott ist die Liebe. Das ist keine menschliche Erfindung, sondern diese Erkenntnis gründet in der Erfahrung, die Menschen mit Jesus gemacht haben. In Jesus, so fasst es unser Text zusammen, ist die Liebe Gottes unter uns erschienen. Sie wurde konkret, fassbar, erfahrbar darin, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist.

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Liebe Gemeinde! Dieser Text hinterfragt unsere gewöhnlichen Vorstellungen von Gott. Wie sieht Gottes Beziehung zu uns aus?

Gott ist nicht der Vater, der jeden Wunsch erfüllt.

Gott ist nicht der Händler, mit dem man Geschäfte machen kann.

Gott ist kein Moralist, der uns erst dann liebt, wenn wir bestimmte Bedingungen und Gebote erfüllen.

Gott verlangt auch keine religiösen Erfolge.

Gott ist kein Kriegsgott.

Gott ist auch kein Sadist, der sich am Leid von Menschen aufgeilen würde.

Nein. Ganz klar und eindeutig ist dies unser christliches Bekenntnis:

Gott ist die Liebe. Und die Liebe ist von Gott.

Das soll und darf unsere Beziehung zu Gott und zu einander prägen.

Darin besteht der Sinn des Lebens für uns alle: dass wir die Liebe lernen, dass wir die Fähigkeit immer weiter entwickeln, Liebe zu empfangen und Liebe zu geben. Das bedeutet achtsam zu werden für jedes Wort der Liebe, für jede Geste der Liebe.

Machen wir uns bewusst, dass jeder Mensch in seinem tiefsten Inneren die Sehnsucht hat, geliebt zu werden, - jeder Mensch!, selbst die, die diese Sehnsucht hinter Fassaden verstecken. Das sollte uns ermutigen und anspornen, nie mehr mit Worten und Gesten der Liebe zu geizen. Für die Liebe ist es nie zu spät. Jeden Tag neu kann ich mich einlassen auf das Wesentliche meines Lebens: Auf die Liebe, die von Gott kommt und durch mich und durch andere hindurch fließen will. Ich muss nicht vollkommen sein. Denn Gott hat uns zuerst geliebt, ohne Vorbedingungen. Gott ist geduldig mit uns. Er freut sich aber, wenn wir uns nicht gehen lassen, sondern uns anstecken lassen von der Kraft seiner Liebe. Alle Bereiche unseres Lebens will diese Liebe durchdringen bis wir einmal ganz in der Liebe mit Gott vereint sind. Noch können wir Gott nicht sehen. Aber in der Liebe können wir ihn heute schon erfahren. Im tiefsten Grund wissen wir das, wenn wir Abschied nehmen müssen von nahestehenden Menschen. Dann wird uns bewusst: Was letztlich zählt, ist die Liebe. Die Liebe ist stärker als Leben zerstörende Kräfte. Die Liebe ist stärker als der Tod. Denn Gott ist die Liebe. Und die Liebe ist von Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Gedanken und Gefühle in Christus Jesus.

AMEN