Zum 4. So. nach Trinitatis (5.07.2020) in den Klostergemeinden

Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. ... Lass dich nicht vom Bösenüberwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm.12, 15.21)

„Etikette“: Ich hab mal nachgesehen, was das ist. Ja, Etiketten kennt jeder. Das sind Aufkleber, Sticker, fränkisch „Bläbberla“. Die zeigenden Preis einer Ware oder was in einem Marmeladenglas drin ist, in einer Bier- oder einerWeinflasche. Aber die „Etikette“ begegnet unsgerade neu: „Husten- und Niesetikette“ zurVermeidung von Corona-Infektionen, Anlei-tungen zum Händewaschen auf Toiletten.Vom Ursprung her waren es Regeln zumguten Benehmen. Die Étiquettes waren Aufschreibzettel am französischen Königshof, aufdenen die Rangfolge der zugelassenen Personen notiert war. Damit waren alle aufgefordert, sich den Regeln am Hofe entsprechend anständig zu betragen. Nach oben schauen,zu den vornehmen Damen und Herren, Ehrfurcht zeigen und ja nichts falsch machen.

Unsere heutigen „Etikette“ sind da demokratisiert. Rücksicht nehmen und in die Armbeuge husten oder niesen, einander auf der Straße grüßen, in der Schule oder bei der Arbeit nicht bauchfrei rumlaufen.

In unserem Bibeltext dreht Paulus die Richtung der Etikette geradezu um: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zuden niedrigen.“ (v.16) Und vorher schon: „Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.“ Keine hierarchische Hofordnung,sondern eine christliche, in der nun alle zuKöniginnen und Königen werden. Respektgegenüber allen Menschen, Rücksicht. Nächstenliebe und Empathie. „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. ...Haltet euch nicht selbst für klug.“ Es ist nichtso einfach, sich an diese Benimmregeln zuhalten, gerade auch bei den Corona-Beschränkungen und Hygienemaßnahmen. Die Abstandsnormen stören, die Maske im Gesicht nervt, die Schlangen vor Läden oderMuseen strapazieren die Geduld. Bei einigenDemonstrationen oder bei der Randale vor zwei Wochen in Stuttgart haben Leute ihre Freiheit gegen alle Etikette durchgesetzt.

Für Paulus steht die Freiheit des anderen im Vordergrund. Er nimmt die Ethik Jesu auf, nach Sätzen aus der Bergpredigt (Mt. 5-7) oder unserem heutigen Evangelium (Lk. 6, 36-41). „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen. ... Richtet nicht, so werdet ihrauch nicht gerichtet. ... So wie ihr wollt, dasseuch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch.“Eine ganz schöne Zumutung ist das, dass wirals Christen immer in Freundlichkeits-Vorleistung gehen sollen. Nicht bloß keine Racheüben, nicht zurückfauchen oder gar -schlagen, wenn du schlecht behandelt wirst. Sondern „wenn dein Feind hungert, so gib ihm zuessen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.“ Ich tu mich schon schwer, bei denen nicht zukontern, die mir nahestehen, die ich liebhabe. Aber nicht mal böse Gedanken gegensolche, die mich beleidigt haben oder mirübel wollen?!- Jesus hat das gelebt. Er hat sein Leben auch für die gegeben, die ihnverfolgt haben. Für mich und für dich hat eres gegeben. Darum kann er das verlangen. Ernimmt uns ja auch das Richten ab. Auch dieBösen, Gewalttäter, Randalierer müssen sichvor ihm verantworten. Deshalb: „Lass dichnicht vom Bösen überwinden, sondernüberwinde das Böse mit Gutem.“

Dass das möglich ist, hab ich in letzter Zeit gerade an Polizisten gesehen. Im Fernsehen kam ein Bericht über die gute Ausbildung der deutschen Polizei. Trainings gegen Rassismus gehören dazu. Dass eben nicht gerade die mit dunkler Hautfarbe oder einem ausländischen Akzent zuerst angehalten und einem Drogen-oder Alkoholtest unterzogen werden. „Die stärkste Waffe eines Polizisten ist das Wort,“ sagt ein Ausbilder. Und zwar solche Worte, die Konflikte deeskalieren und von der Gewalt wegführen. Gute Polizisten haben da ein starkes Repertoire. Sowas könnte eigentlich jeder trainieren, jedenfalls für die eigene innere Haltung. Das heißt nicht, das Böse einfach zu übergehen oder zu ignorieren. Es ist wichtig, Gewalt nicht einfach durchgehen zu lassen. Das sehen wir an der Aufdeckung von sexuellem Missbrauch, leider massenhaft, ob in Nachbarschaften, über das Internet oder auch in kirchlichen Zusammenhängen. Gott ist der Richter. Unser Rechtsstaat und wir alle haben den Auftrag, Opfer zu schützen und Täter am Weitermachen zu hindern.

„Überwinde das Böse mit Gutem:“ In Dänemark hat vergangenes Jahr ein Polizist einen 20-jährigen afrikanischen Muslim von seinem islamistischen Irrweg abgebracht. Jamal hatte sich radikalisiert, nachdem er in der Schule und auch durch die dänische Polizei angefeindet worden war. Dann starb seine Mutter. Zusammen mit anderen Jugendlichen ging er nach Syrien, kämpfte dort mit im brutalen „Heiligen Krieg“. Zurück in Aarhus, lud ihn Thorleif Link, ein Polizist in der Präventionseinheit, zum Kaffee ein. Der ließ sich anschreien: „Verpiss dich. Ihr habt mein Leben ruiniert.“ Immer wieder rief er bei Jamal an. Er brachte ihn in Kontakt zu einem jungen türkischen Muslim, der Jura studierte. Langsam dachte Jamal um, ging auf Distanz zu seinen vorherigen Freunden. Nach Monaten wurde ihm klar: Auch wenn mein Schuldirektor rassistisch war, ist es nicht die ganze Gesellschaft. Auch wenn mich Polizisten schlecht behandelt haben, tut das nicht die ganze Polizei. Jetzt studiert Jamal. Er hat sich schon als Wahlhelfer engagiert. Die Überschrift dieser Geschichte hieß: „Wie ein Polizist mit einerTasse Kaffee einen Islamisten bezwang.“ Sie macht Mut, in der Spur Jesu zu bleiben. Und bei der christlichen Etikette von Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ 

Ihr Ulrich Schindler

Lied: Wo ein Mensch Vertrauen gibt (EG 648)

Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt,

fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt,

fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch sich selbst verschenkt und den alten Weg verlässt,

fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Text: Hans-Jürgen Netz 1975; Melodie: Fritz Baltruweit 1977