Zum Allianz-Sonntag (17.01.2021) in den Klostergemeinden

Klostergemeinden
Bildrechte: Gemeinde Heilsbronn

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel. … Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! … Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Jesaja 6, 1-8

Gottesdienst aus dem Münster Heilsbronn

Liebe Schwester, lieber Bruder im Glauben,
der Christbaum im Münster steht noch hinter mir. Noch ist Weihnachtszeit: „Alle Jahre wieder“. Gerade haben wir ein schönes Lobpreislied gehört: „Wieder bring ich dir mein Lob. … Von deiner Güte will ich immer singen.“ Christliches Glaubensleben im Alltag. Und dann werden wir mit dem Profeten Jesaja von der Welt entrückt. Herausgerissen aus dem täglichen Leben in den Himmel über dem Tempel. Engel sind da, die Gott loben, und der Profet erschrickt. Dann wird er gereinigt, geläutert. Und lässt sich berufen und senden von Gott.
Was ist das für eine andere Welt! Heilig und furchterregend –, in der beruft und beauftragt Gott. Wie hat das mit dir und mir zu tun, mit unserem Glauben? Einen Auftrag von Gott hast auch du. Dich hat er auch berufen in seinen Dienst. Was siehst du als deine besondere Aufgabe? Und wie lebst du mit deiner Berufung? Schauen wir mal genauer auf Jesaja. Betrifft sein profetischer Auftrag auch deinen und meinen? Herausgerissen, entrückt ist er aus seinem Leben in einen ganz und gar heiligen Raum. Der hat nach unten etwas vom Tempel. Aber oben, bei den Engeln, sieht Jesaja Gott selbst. Das ist das erste. Gottes Berufung holt dich heraus aus dem gewöhnlichen Leben. Nicht jeder hat so eine Vision wie Jesaja. Aber Erfahrungen mit Gott sind besondere Erfahrungen. Heilig heißt: abgesondert vom Alltäglichen, herausgehoben. Kennst du auch Momente, in denen du so etwas gespürt hast. Nicht du machst sie heilig und spirituell, sondern Gott. Die Engel preisen ihn ohne Ende. Menschen sollen ihn nicht sehen. Das ist das erste: Gott ist der erste. „God first“ hat der Theologe Ingolf Dalferth seine Forschungen zur Reformation betitelt. (Ohne den Narzissmus des amerikanischen Ex-Präsidenten.) Das sagt Jesajas Entrückung dir und mir: Gott ist der erste. Das sagt das Alte wie das Neue Testament. Martin Luther hat so das erste Gebot ausgelegt. „Ich bin der Herr dein Gott“: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“
Ja, Ehrfurcht erregt so eine Erfahrung. Gottesfurcht. Und Jesaja, das ist das zweite, erschrickt über sich. „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen.“ Selbsterkenntnis vor Gott. Irritiert werden. Das kennen wir auch, du und ich. Nicht so extrem vielleicht, so einmalig. Aber dich in Frage stellen lassen, an dir zweifeln, weil du nicht ganz sauber bist.- Umkehr gehört zur Berufung dazu. Bei manchen von uns war das ein radikales Erlebnis: Gott zu begegnen, mit dem du vorher überhaupt nicht gerechnet hast. Bei uns allen gehört es zum Weg des Glaubens: in sich gehen und bereuen, immer wieder. Schuld bekennen, um neue Wege bitten. „Das Leben des Christen soll eine tägliche Buße sein“, sagt Martin Luther in der ersten der 95 Thesen gegen den Ablass.
Und Gott schenkt die Befreiung, die Reinigung und Läuterung. Der dritte Schritt ist für uns Evangelische die Grundlage und gleichzeitig der Höhepunkt unseres Glaubens. „Rechtfertigung um Christi willen“ nennt es die Reformation. Luther hat es mit Herz, Geist und Seele gespürt: Dass wir Gott recht sind, ist sein Geschenk durch Jesus Christus. Keiner kann das leisten oder sich verdienen. Gottes Engel, so erlebt es Jesaja körperlich, berühren deine Lippen mit glühender Kohle. Und du verbrennst nicht, du wirst geläutert und heil gemacht. Gott richtet dich auf wie den Profeten und macht dich neu selbstbewusst. Ganz sein Geschenk ist das. Für die großen Kirchen liegt diese Gabe besonders in der Taufe. Das Wasser bringt Reinheit und Vergebung so wie bei Jesaja das Feuer. Für uns alle geschieht das immer wieder neu, wenn Gott uns begegnet und so wie dem Profeten verkündet, dass deine Schuld von dir genommen wird und deine Sünde gesühnt ist.
Dann erst, als viertes, mit und nach diesem Geschenk, ruft dich Gott: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Erst hier bist du wirklich gefragt. Vorher hat Gott an dir gehandelt. Jetzt fragt er dich aber auch ganz. Mit Leib und Seele, Herz und Hand. Und du hast, wie Jesaja, den Ruf angenommen. Sonst wärst du nicht hier. Hast geantwortet: Hier bin ich, sende mich!
Was ist nun deine besondere Berufung? Die nur dir gilt und vielleicht ganz speziell jetzt 2021? Das hängt mit deinen Gaben zusammen, mit dem was du gut kannst und zum Leben der Gemeinde beitragen willst. Und mit der Verantwortung, die du trägst für deine Kinder, deine Eltern. Für andere und für dich selbst. Im Gespräch mit Gott und mit den anderen wirst du deinen Auftrag spüren und finden. Im Gespräch mit ihm zu bleiben, ist unser aller Aufgabe. Täglich in Kontakt mit Gott. „Lass dich durch Gottes Wort berühren. … Lies die Bibel und sieh Jesus“, heißt es in der Broschüre für die Allianz-Gebetswoche. Und steh zu ihm. Das ist das Profetische an unserer Berufung. Steh zu Gott und zum Glauben, wo andere ihn angreifen oder ignorieren. Und steh zu den Menschen. „Ein Profet ist ein Mensch, hat der große Rabbiner Abraham Heschel gesagt, der das Unrecht erleidet, das anderen angetan wird.“ Bleib also wach und ganz Ohr. Berührbar, erschütterbar und motivierbar. Hier bin ich, sende mich! – Und er wird es tun.
Euer und Ihr Ulrich Schindler

Gebet
Vater im Himmel, danke für das Geschenk deiner Liebe und Gnade. Danke für das Geschenk deines Wortes im Alten Bund und in Jesus Christus. Danke für die Berufung und die Aufgaben, die du mir gibst. Erfülle mich mit deinem Heiligen Geist, dass ich deinen Auftrag höre und annehme jeden Tag. Hilf mir, zu spüren, wenn Menschen Unrecht getan wird, und es mitzuerleiden. Gib mir den Mut, das anzusprechen und einzutreten für Frieden und Gerechtigkeit. Gib mir das Herz, zu dir zu stehen. Durch Jesus Christus. Amen.