Zum Gedenktag der Verstorbenen (21.11.2021) für die Klostergemeinden

Klostergemeinden
Bildrechte: Gemeinde Heilsbronn

"Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an … Er aber sprach zu ihnen: Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier." (Markus. 16,5-6)
"Wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.“. (1. Korinther 15, 52-53)

Liebe Gemeinde, liebe Trauernde,

hast du
den Engel des Lichtes gesehen
Sanft streift er
durch die Nächte der Welt
Legt hier
seine Hand auf ein Stöhnen
blickt dort
voll Erbarmen
der Angst in die Augen
und sagt
in den Schrei der Verzweiflung
sein lichtendes Wort
hast du
den Engel des Lichtes gesehen
hier war er und dort
und doch überall
er streift durch die Nächte der Welt
und gräbt in die Finsternis tief
den Samen des ewigen Morgens
streut Schweigen in jegliche Not
hast du
den Engel des Lichtes gesehen
er trägt deine Nacht in den Händen
du findest ihn immer in dir


Nein, in dir leider nicht immer. Mit wunderbar poetischen Bildern schildert das Gedicht von Annette Soete (EG S. 525), wie Gottes Engel in der Trauer tröstet, hält und aufrichtet. Oft geschieht das in dir selbst, in deinen Erinnerungen und Gedanken. Manchmal brauchst du aber einen Engel, der dir begegnet. Der lässt dich die Augen wieder öffnen und deinen Blick nach außen richten. Der spricht dich an, legt dir die Hand auf die Schulter oder umarmt dich. Der schafft es, dass du wieder nach vorne schaust, ins Leben.
So einen hat Christian Rohlfs ins Bild gesetzt.

Engel
Bildrechte: Christian Rohlfs

„Engel der Licht in die Gräber trägt“, heißt dieses Bild. Der Engel ist eine Lichtgestalt. Auch wenn Abschattungen von Trauer und Dunkelheit auf seinem Flügel und seinem Kleid liegen: Er strahlt in sie hinein, durch sie hindurch. Du siehst sei-nen Körper, sein Gesicht, auch seine Hände. Der Engel ist Licht. In seinen Händen hält er zwei Grabkreuze. In die strahlt er sein Licht ein: Über den Gräbern – und in die Gräber hinein: Licht.
Stärker ist dieses Licht als die Grablichter draußen auf dem Friedhof. Es symbolisiert nicht nur das Angedenken. Nicht nur für Gebete und gute Gedanken steht es, die du zu deinem lieben Verstorbenen hinüberschickst. Es nimmt auch Bilder auf aus der Bibel. Zitiert sozusagen die geheimnisvollen Geschichten, wie Jesus den Tod überwunden hat. In unserem Evangelium von der Auferweckung des Lazarus geht Jesus selbst hinein ins dunkle Grab und führt seinen Freund lebend heraus. Ein Zeichen ist das, dass Gott seine Zusage erfüllen wird und am Ende alle Toten ins Leben führt. Und in der Ostergeschichte, da sitzt ein junger Mann mit einem langen weißen Gewand im Grab Jesu. Dieser Engel verkündigt den Frauen, dass der Gekreuzigte auferstanden ist. Jesus ist „der Erstgeborene von den Toten“ (Kol 1,18). In ihm hat Gott seine Zusage er-füllt und für uns alle erneuert.
Nicht für alle ist es einfach, diese Auferstehungsgeschichten zu glauben. Häufiger und leichter erscheint die Hoffnung, dass sie ihre lieben Verstorbenen wiedersehen. Und langsam, schritt-weise, können viele schon manchmal Abstand gewinnen zu dem schweren Verlust und wieder nach vorne schauen. Auf dem Bild von Christian Rohlfs lässt der Lichtengel auch die Umgebung langsam hell werden. Sie ist nicht tiefschwarz, sondern blau. Leicht gelichtet ist die Todesfinsternis, zieht einen nicht mehr in sich hinein. Wenn das Licht des Engels im Grab ist, kannst du das auch mal loslassen und darfst selbst wieder hellere Orte im Leben aufsuchen.
Eine Frau, die ich kürzlich beerdigt habe, hatte ein großes Faible für Klamotten. Sie hat früher als Näherin gearbeitet, dann Kleidung verkauft. Shoppen gehen war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Paulus hat unsere Bekleidung zum Bild gemacht für die Auferstehung: „Dieses Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.“ (1. Kor. 15,53). Die Verstorbene hat jetzt also neue Klamotten und einen unversehrten Leib. Das gealterte und kranke Gewand der letzten Jahre ist von ihr abgefallen. Gott hat sie neu eingekleidet. Und wenn ihre Angehörigen jetzt shoppen gehen, wenn´s für sie neue Kleidung gibt, dann sind gute Erinnerungen an die Verstorbene dabei und manchmal die Frage: „Was hätte sie wohl zu der Bluse gesagt?“
Eine andere Frau in Norddeutschland sitzt abends, wenn sie ein Glas Wein trinkt, oft vor dem Bild ihres vor einigen Jahren verstorbenen Mannes. Sie prostet ihm dann zu und denkt da-ran, wie sie ihn oft gefragt hat: „Trinken wir heut´ abend ´was?“ Und er antwortet: „Och ja!“

Ihr Ulrich Schindler

Gebet
Erinnerungen, Gott, sind etwas Wunderbares. Sie können aber auch sehr schmerzhaft sein.
Wir danken dir für alle guten Erinnerungen, die wir in uns tragen und die uns heute Freude bereiten.
Und bitten dich, alle traurigen und spannungsvollen Erinnerungen nicht zu schwer werden zu lassen.
Lass zur Ruhe kommen alle, die um einen Menschen weinen, den sie geliebt haben. Stärke ihr und unser Vertrauen auf deine unendliche Liebe und das Leben, das du uns verheißen hast.
Dir, Gott, vertrauen wir unsere Toten an. Lass dein ewiges Licht leuchten für sie.
Und auch uns selbst, die wir auch eines Tages von dir gerufen werden, um ganz bei dir und bei ihnen zu sein. Amen.