Zum Sonntag Judika (21.3.2021) in den Klostergemeinden

Klostergemeinden
Bildrechte: Gemeinde Heilsbronn

Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott …?

Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er sich über dem Staub erheben. Ich selbst werde Gott sehen, und meine Augen werden ihn schauen. (Hiob 19,21-27)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit für Menschen, die Schlimmes erleiden mussten?
Vor kurzem hatte ich meine erste Corona-Beerdigung. Die Frau lebte zurückgezogen. Hatte gute Freunde, aber wenige. Sie starb elend und verlassen. So würde ich das keinem Feind gönnen. Nach einer Operation und einer Reha hatte sie sich mit COVID 19 angesteckt, vermutlich bei einem kurzen Krankenhausaufenthalt vor Weihnachten. Zum Fest wollte sie dann niemanden sehen, hat nur telefoniert. Mitte Januar kam sie ins Krankenhaus, bald auf die Intensivstation, wurde beatmet. Mitte Februar starb sie. Ihre Angehörigen hatte sie monatelang nicht mehr gesehen. Wie sie um Atem rang, wie einsam sie war, kann ich mir kaum vorstellen. Übermorgen ist der bundesweite Trauertag für die Toten der Corona-Pandemie. Das Leid der Toten und ihrer Familien wird gewürdigt. Jede einzelne Geschichte ist eine Tragödie. Nichts von ausgleichender Gerechtigkeit, aber gar nichts!
Heute ist der Internationale Tag gegen Rassismus. Gegen Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft sind Angriffe und Verunglimpfungen vielfältig, auch hier in Deutschland. Vor gut anderthalb Jahren war der Anschlag auf die Synagoge in Halle, vor einem Jahr der neunfache Mord in Hanau. Zwei Monate später wurde George Floyd in Amerika die Kehle zugedrückt. Viele Sportler gedachten seiner auf den Knien. Der Gedenktage und Reden gab es viele, bei uns und in den USA. Letzte Woche wurde der Familie von George Floyd 27 Millionen Dollar an Schmerzensgeld zugesprochen. Ausgleichende Gerechtigkeit für ein Menschenleben?! Selbst wenn die Täter vor Gericht verurteilt werden: Das Leben und die Würde jedes einzelnen Menschen sind nicht zu ersetzen.
Hiob kämpft im Leiden um seine Würde. Er klagt die Menschen an, die ihm nahe waren und sich von ihm abgewandt haben. Seine Freunde sagten ihm: „All dieses Leiden musst du dir verdient haben.“ So ist das doch nicht selten: Wenn jemand eine schlimme Krankheit bekommt, wenn eine Familie ein Kind verliert, ist das für manch andere wie die Krätze, wie der Aussatz. Da mag Unsicherheit dabei sein, Berührungsängste. Aber sich kümmern und wirklich helfen, das tun wenige. „Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt,“ klagt Hiob (19,19). Mit Gott und mit den besserwisserischen Freunden kämpft er um Anerkennung: „Zu Gott sage ich: Behandle mich nicht wie einen Verbrecher.“ (10,2) “Die Hand Gottes hat mich getroffen. Warum verfolgt ihr mich wie er?“ Seine Würde, sein Menschenrecht ist es, dass wenigstens seine Seele rein bleiben darf. Dass er nicht auch noch schuld ist an seinen körperlichen und psychischen Leiden, an der Trauer um seine gestorbenen Kinder. Gott ist gerecht, ja. Aber das heißt eben nicht: Krankheiten und Seuchen sind seine Strafe; du bist von ihm geschlagen, wenn du einen lieben Menschen verlierst. Dagegen kämpft Hiob. Um die Würde, die eben nicht in der Hautfarbe und Herkunft eines Menschen liegt. Nicht im jüdisch oder auch muslimisch Sein, sondern tief dahinter: im Herzen, das zur Liebe fähig ist, in der Einmaligkeit und Echtheit seiner Seele, in der Anerkennung und Zuwendung anderer Menschen.
Ein gutes Stück solcher Würde wäre es für Hiob, dass sie später seiner gedenken: „Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!“ Ja, ein Grabstein, eine Gedenktafel hält die Erinnerung an einen Menschen fest. Gut, wenn auch in den Friedwäldern, auch bei den Wiesengräbern auf unserem Friedhof, die Namen derer aufgezeichnet sind, die da bestattet wurden. Und wenn die Menschen, die ihnen nahe waren, Geschichten aus ihrem Leben im Herzen mitnehmen. Manchmal mit Tränen, manchmal mit Lachen. So ist es Gottseidank auch bei der zurückgezogenen Frau, die an Corona starb.- Wenn auch heute viele ihren Nachkommen keine Arbeit machen wollen mit der Pflege von Gräbern: Die Blumen, die dort abgelegt oder gepflanzt werden, lassen Anerkennung und Liebe weiter blühen. Der oder die da gelebt hat, ist nicht vergessen. Unsere Gräber erinnern an die unzerstörbare menschliche Würde, die persönliche Lebensgeschichte.
Und dann – das ist die überraschende und erschütternde Bewegung, die bei Hiob zu spüren ist –, dann wendet er sich doch im Vertrauen Gott zu, von dem er sich ja geschlagen, fast vernichtet fühlt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.“ (19,25) Der Löser, das ist in der jüdischen Gesellschaft einer, der in Not geratene Verwandte freikauft, ihre Ehre wiederherstellt. Er bezahlt für ihre Schulden und löst sie aus Abhängigkeitsverhältnissen. „Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten und zum Schluss meine Unschuld beweisen.“ (BasisBibel) So wirft sich Hiob in die Arme Gottes und vertraut darauf, dass der ihn rehabilitieren und ihm Gerechtigkeit schenken wird. In dem großartigen Buch von Hiobs Kampf um seine Würde geschieht das am Ende auch.
Dieses Vertrauen bezieht sich für den biblisch-jüdischen Glauben nicht auf das Jenseits und eine unsterbliche Seele. Auch wenn Hiob bekennt: „Nachdem meine Haut so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen“ (19,26), soll das – mit Haut und Knochen – in diesem Leben geschehen, hier vor dem Tod. Und das ist gut, wichtig für unser Miteinander. Nicht auf´s Jenseits und eine andere Welt vertröstet Hiob unsere Hoffnung auf Gerechtigkeit. Wie er brauchen wir diese Sehnsucht jetzt und hier.- Ja, es gibt schlimme Krankheiten, für die keiner etwas kann. Pandemien, an denen viele, zu viele Menschen sterben. Es gibt menschliche Gewalt, rassistische Angriffe in brutalen Anschlägen und alltäglichen Beleidigungen. Aber das Ringen um die unzerstörbare Würde, um körperliche und psychische Gesundheit darf nicht einfach auf später verschoben werden. Im Sinn Hiobs predigte Martin Luther King vor über 50 Jahren: „Nichts kann uns davon abhalten, die widerspenstigen Verhältnisse mit unseren wunden Händen umzuformen, bis wir ihnen die Gestalt der Brüderlichkeit gegeben haben.“
Gott schauen, das will Hiob und wirft sich in die Hände dessen, der ihn leiden lässt. „Ich selbst werde ihn sehen. Meine Augen werden ihn schauen.“ So wirft sich auch Jesus in die Hände des Vaters, der ihn hat leiden lassen. Am Kreuz klagt er wie Hiob und zeigt sein Vertrauen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ (Mk.15,34) „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ (Lk. 23,46). Für uns Christinnen und Christen ist er derjenige, der jedem Menschen seine Würde und sein Ansehen zeigt. Gerade den unschuldig Leidenden, den Verfolgten, Beleidigten und Ermordeten. Er ist an ihrer Seite. Ein Trost für uns ist auch der Gedanke, dass Jesus am Ende der Richter über das Leben sein wird. Der uns richtet, ist der Erlöser. Vor ihm sehen wir, wo es Liebe, und Segen gab in unserem Leben und wo Gleichgültigkeit, Hass und Schuld. Jesusstellt uns das vor Augen und bringt es zurecht. Dass er der Richter ist, schafft ausgleichende Gerechtigkeit. Auch für Hiob, die Toten der Corona-Pandemie, für George Floyd und alle andern Opfer von Rassismus. Sie schauen Gott in ihm. Er gibt ihnen das Ansehen und die Würde, die Menschen ihnen nehmen wollten. Jesus sieht uns, wie wir sind und lässt jede und jeden so werden, wie Gott sie gedacht hat.

Ihr Ulrich Schindler

Gebet: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich …

 

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