Zum Sonntag Reminiszere (18.2.2021) in den Klostergemeinden

Klostergemeinden
Bildrechte: Gemeinde Heilsbronn

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Ein Lied ist unser Predigtwort heute. Ein ganz besonderes, kein Psalm. Ähnlich aber doch anders wie eins, das viele kennen:
Und die einen sind im Dunkeln,
und die andern sind im Licht.
Doch man sieht nur die im Lichte,
die im Dunkeln sieht man nicht.

Das ist der Schluss der Moritat vom gefährlichen und heimtückischen „Mackie Messer“ aus Bert Brechts „Dreigroschenoper“. „Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht …“

Unser Lied stammt vom Profeten Jesaja. Es beginnt arglos wie ein Liebeslied:
Singen will ich für meinen Liebsten, ein Lied meines Freundes von seinem Weinberg:
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und reinigte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit edlen Reben. Er baute einen Turm in seine Mitte und grub eine Kelter darein und hoffte, dass er gute Trauben brächte. Doch er brachte stinkende Fäulnis hervor.

Eine heftige Wende in der Stimmung von der liebevollen Arbeit zu stinkenden Früchten! Und der Sänger-Profet wendet sich den Zuhörern zu und singt plötzlich von seinem eigenen Weinberg:
Nun richtet, ihr Bürger von Jerusalem, ihr Männer Judas, zwischen meinem Weinberg und mir! Was hätte man noch tun sollen an meinem Weinberg, das ich nicht tat? Wie konnte ich hoffen, er würde Trauben tragen – und stinkende Fäulnis hat er hervorgebracht!
Ob sie auch wütend werden, die Zuhörer? Und ihm folgen in seiner Ankündigung:
Gebt acht! Ich will euch sagen, was ich mit meinem Weinberg tun will. Seine Hecke ausreißen, dann soll er kahl gefressen werden. Seinen Zaun eintreten, dann soll er zertreten werden. Verwildert soll er liegen, nicht beschnitten und gehackt. Dornen und Disteln sollen wuchern Und den Wolken will ich gebieten, keinen Regen mehr auf ihn fallen zu lassen.
Wut und Zorn und Strafe für den unfruchtbaren Weinberg. Und wenn es nicht mehr regnen soll auf ihn: Wer tut das eigentlich? Wer kann das?

Gottes, des Herrn Weinberg ist das Haus Israel, die Männer aus Juda sind, was er aus Leidenschaft gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch, doch seht: Rechtsbruch! Und auf Gerechtigkeit, doch seht: Schlechtigkeit! Ihr selber seid´s, um die sich Gott so bemüht hat, Darauf läuft dieser Straf-Gesang hinaus. Nehmt an und akzeptiert, dass er euch der Verwüstung preisgibt!

Beeindruckende Strophen sind das, ein Stück großer Weltliteratur! Es beginnt als schmeichelndes Liebeslied und hat am Ende etwas von der Unberechenbarkeit von Mackie Messer. Fast so heim-tückisch! Aber es ist ein Lied von unserem Gott und seinem Volk. Es geht uns an.

Gott kommt und straft, richtig hart. Nichts mehr will er tun für die, die er liebte. Ein tief enttäuschter Liebhaber. So kennen wir ihn kaum. Diese Seite sehen wir nicht gern an ihm. Es stimmt ja auch: Krankheiten sind keine Bestrafung von Gott. Persönliche Unglücke auch nicht. Aber das gibt es:
Gott lässt Menschen – und ganze Gesellschaften – in ihr Unglück rennen.
Bei Jesaja ist es die Selbstbedienung und Betrügerei der Reichen, die Gott angreift. Gleich nach dem Lied vom unfruchtbaren Weinberg klagt er sie an mit Wehe-Rufen: Weh denen, die Haus an Haus reihen, die Feld an Feld fügen, bis kein Raum mehr ist und sie allein das Land besitzen. … Weh denen, die das Unrecht herbeiziehen an Stricken der Lüge und das Verbrechen mit Wagenseilen. … Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und sich selbst für klug halten!

Wenn ich das höre, denke ich an die Briefkasten-firmen in Panama, die es immer noch gibt. An den Mietwucher in Großstädten, den Steuerbetrug mit Aktiengeschäften, den unser Staat lange hat durchgehen lassen. Auch an Feierexzesse und Impfbetrug in der Corona-Zeit. Manchmal lässt Gott Gesellschaften in ihr Unglück rennen.
Die andere Seite dazu, die der Armen, stellen uns die Gaunergeschichten von Brechts Dreigroschenoper vor Augen. Da singen sie im Schlusschor:
Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd' und Missetat vermeiden kann:
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.
Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt
Das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihr's immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Da frage ich auch mich und Sie: Sind wir dabei bei denen, die ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollen? Die nur auf die eigenen Finanzen schauen und wenn nötig, schon mal jemanden über den Tisch gezogen haben? Die nicht auf andere achten, denen Corona noch näher auf den Leib gerückt ist oder die ein größeres Risiko haben? Und auch nicht auf die wirklich Armen, denen die Pandemie die Lebensgrundlage nimmt?
Gott straft unsere Selbstbedienungsmentalität und Achtlosigkeit. Das schärft er uns mit dem Lied des Jesaja ein: Nun richtet, ihr Bürger von Heilsbronn und Gemeindeglieder – zwischen meinem Weinberg und mir! Ich hab doch alles getan für euch. Aber bei euch stinkt so manches zum Himmel!

Was wir da tun können? Wie wir was ändern? Das muss jede und jeder für sich sehen - und wir als Kommune und Gemeinde und im Staat. Gott hat schon etwas getan. Er hat noch eine andere Seite, die des Evangeliums. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Durch Jesus zeigt Gott uns trotz allem seine Vergebung, seine Freundlichkeit. Denn der hat all den Egoismus, die Ängstlichkeit und Selbstabsicherung von Menschen ertragen und erlitten. Sein Kreuz ist das Zeichen dafür. Im Glauben an ihn können wir bereit und gestärkt werden, die Anklagen Gottes erstmal an uns ran zu lassen, über uns selbst nach-zudenken – und dann auch was zu verändern.
So eine Selbstbesinnung in der Corona-Zeit hat kürzlich Petra Bahr geschrieben, die norddeutsche Regionalbischöfin und Journalistin: Ich bin gereizter, nervöser, unduldsamer. Das ist dieses Virus. Es hat in den letzten Wochen nicht die beste Variante meines Selbst hervorgebracht. Ich bin meine eigene Mutante, so scheint es. Meinen Ärger habe ich weniger im Griff als die AHA-Regeln. Manch-mal denke ich, die Maske schützt nicht nur vor Aerosolen, sondern auch davor, die schlecht riechen-den Gedanken in die Welt zu pusten. Die im Nahbereich müssen oft mit der miesepetrigen Variante meiner selbst umgehen. Die Familie kann nicht vor mir weglaufen, nicht mal in die Schule oder in den Vorlesungssaal. Ich kann nicht vor mir weglaufen, außer auf eine Runde in den Wald. Da kann ich mir dann kräftig die Meinung sagen. Die hochmögende theologische Formulierung von der Rechtfertigung der Sünder habe ich hundertmal gepredigt. Übersetzt bedeutet sie: Wenn Gott es mit so leicht kränkbaren, empfindlichen, müden Nerven-sägen wie mir aushält, dann werde ich das wohl auch noch eine Weile schaffen.

Ihr Ulrich Schindler

Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir, Ursprung, in den ich münde, du fern und nah bei mir. Wie ich mich wend und drehe, geh ich von dir zu dir. Die Ferne und die Nähe sind aufgehoben hier. Von dir zu dir mein Schreiten, mein Weg und meine Ruh. Gericht und Gnad, die beiden, bist du – und immer du.
(Schalom Ben-Chorin 1966; EG 237)