Zum Volkstrauertag am 14.11.2021 in den Klostergemeinden

Klostergemeinden
Bildrechte: Gemeinde Heilsbronn

"Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.“ (2. Korinther 5,4-5)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

in unserem Minigarten haben wir eine Forsythie. In den letzten zwei Wochen konnten wir beobachten wie sie nach und nach alle Blätter verloren hat. Erst verloren die Blätter ihr sattes Grün und der Busch leuchtete in herrlichen Farben. Dann kamen der Wind und der erste Nachtfrost und eines nach dem anderen fiel, fiel zu Boden und wurde vom Winde fortgetragen. „Die Blätter fallen, fallen wie von weit“, schrieb Rainer Maria Rilke in einem bekannten Herbstgedicht. Im November zeigt uns die Natur von allen Seiten: Das Leben ist im Vergehen. Das Leben ist endlich. Alles muss sterben. Nichts ist sicherer als der Tod!

Es gibt Menschen, die können diese dunkle Zeit nicht ertragen. Die überspringen die Wochen vor dem Advent und die dunklen Novembertage oder versuchen es zumindest. Sie ziehen die Zeit der Lichter dem undurchdringlichen Nebel vor. Sie möchten lieber den behaglichen Weihnachtsduft in der Nase als die kühle Erde des Friedhofs in ihren Händen spüren. Wer kann das nicht verstehen? Wer ist nicht unangenehm angefasst, wenn der Tod nahekommt? Über den Tod spricht man lieber nicht. Da ist man ja hilflos.

Diese Empfindungen sind auch Paulus nicht fremd. Er seufzt über das Sterben. Er ist beschwert, er stöhnt unter dieser großen Last. Sterben und Tod ist furchtbar! Bei aller Nähe zur Natur gibt es beim menschlichen Sterben einen Unterschied, der dem ganzen nochmal eine Spitze draufsetzt. Wenn ich im Herbst das Sterben der Blätter sehe, weiß ich doch intuitiv, im Frühjahr werden wieder neue Blätter kommen. Es ist ein Kreis. Ein Kreislauf des Werdens und Vergehens. Der Kreislauf der Natur geht weiter. Nicht so für den Menschen! Lebenstafeln beschreiben das Leben des Menschen als einen Halbkreis. Von der Geburt unten links, über die Blüte der Jugend, die Reife des Erwachsenen oben bis zur Gebrechlichkeit des Alters unten rechts. Der Halbkreis bleibt halb, offen, er bricht ab. Das Leben fällt. Die Zeit frisst alles auf. Unermüdlich! Und wir sträuben uns dagegen! Wir erinnern uns, an unsere Väter und Mütter, an unsere Ahnen. Besonders an einem Tag wie heute. Dafür bauen wir Gedenktafeln und Grabsteine! Wir wollen das Andenken erhalten! Deshalb heißt es in Todesanzeigen manchmal: Du lebst in unserer Erinnerung weiter! Im Mittelalter gab es den Klöstern sogenannte Memorialbücher. Das ist ein Grund – neben anderen - warum das Kloster Heilsbronn zu solchen Reichtümern gekommen ist. Denn mit der Aufnahme eines Namens in das Buch war eine kräftige Zahlung verbunden. Unzählige Namen von Toten standen da. Listen über Listen. Die Namen wurden während des Abendmahls verlesen. Als es zu viele wurden, lagen die Bücher aufgeschlagen auf den Altar. So wurde an die Toten erinnert. Schön und gut, aber wer kennt heute noch diese Namen? Und ist es bei uns so viel anders! Wie viel Erinnerung ist denn noch da an die Gefallenen und Opfer der beiden großen Kriege? Sie verblasst. Die Zeit frisst die Erinnerung auf bis sie irgendwann ganz erlöscht und im tiefen Dunkel des Gestern versinkt.

Ist das alles? Alles was, bleibt? Alles, was es zu sagen gibt? - Einspruch! Der Tod ist nicht das Ende! Wenn es nach Paulus und wenn es nach dem christlichen Glauben geht, dann ist der Tod nicht das Ende. Lasst uns hier nicht einem plumpen materialistischen Weltbild folgen! Im Predigtwort dreht Paulus den Spieß um. Er stellt alltägliche Lebenserfahrung auf den Kopf oder vermutlich besser gesagt: Vom Kopf auf die Füße: Nicht der Tod verschlingt fortwährend das Leben, sondern das Sterbliche wird vom Leben verschlungen. (2. Korinther 5,4)

Paulus spricht in Bildern vom Leben in dieser Welt hier und vom neuen, ewigen Leben in der anderen Welt dort. Bilder, die sich überlagern und ineinander übergehen: Von Haus und Kleidung. Behausung und Kleidung sind Bilder für den Übergang von einem Leben in das andere. Hier ein Zelt, dort einen himmlischen Wohnbau. Hier ein Alltagskleid, dort ein himmlisch leuchtendes Festkleid. Hier auf Wanderschaft unterwegs, dort Zuhause, hier unstet und flüchtig, dort in der Heimat angekommen. Nicht umsonst steht in manchen Todesanzeigen „Sie ist heim gegangen“. Wie im Hebräerbrief: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14)

Für alles das gibt es keine „Beweise“. Es bleibt Glaube. Paulus schreibt ja selbst: „Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“ (2. Korinther 5,7). Paulus nennt aber ein Unterpfand. Eine Art Anzahlung oder einen Vorschuss: Den Heiligen Geist. An anderer Stelle schreibt Paulus: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist.“ (Römer 8,11) Man kann also sagen der Heilige Geist ist die Brücke zwischen den Welten.

Daraus erwachsen zwei Konsequenzen, die zusammenhängen: Die Hoffnung auf das ewige Leben führt, erstens, nicht zu einer Weltflucht, sondern im Gegenteil zu einem Handeln im Hier und Jetzt. Und zweitens, beinhaltet die Hoffnung auf das ewige Leben den Gedanken des Gerichts. Der Richterstuhl Christi ist der Fluchtpunkt am Ende des Textabschnittes. Es ist nicht gleichgültig, wie wir hier unser Leben verbringen! Es hat Konsequenzen! „Was ihr einem von diesem meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)

Zum Abschluss noch eine naiv-kindliche Geschichte. Unser Leben hier ist wie eine Hütte im Wald. Wie eine selbstgebaute klapprige Hütte, in der die Kinder einen Sommer lang spielen. Zu einem richtigen Haus wird die Hütte nie, so wackelig und unfertig. Hier haben wir nur eine Hütte, immer nur eine Hütte. Und dann ist der Sommer vorbei und die Tage werden dunkler werden, dann gehen wir aus der Hütte im Wald nach Hause ins Dorf, so wie ein müdes Kind abends nach Hause geht. In das richtige Zuhause. Und da wartet jemand auf uns. Der sitzt schon da, empfängt uns mit offenen Armen und sagt: „Schön, dass du da bist. Willkommen daheim!“

Ihr Vikar Simeon Prechtel

Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht; dies ist meine Zuversicht. Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: Herr, Herr, meine Zuversicht! Christian Fürchtegott Gellert, EG 115